| Samstag, den 11. Februar 2012 um 18:32 Uhr |
Der Großmeister Samsaras und das Thema DisziplinWas ist schwieriger für langjährige Praktizierende: Mit Emotionen zu arbeiten oder eher die Rastlosigkeit oder sogar die Disziplin? Vor allem Disziplin ist das Problem langjähriger Praktizierender.
Menschen, die zum Dharma kommen, sind in der Regel ziemlich intelligent. Sie haben ein gewisses Verständnis für Emotionen und Negativität. Sie wissen, dass da etwas ist, was stört und aus diesem Grund suchen Sie einen spirituellen Pfad. Durch die spirituelle Praxis haben Sie Samsara erkannt, und jetzt gebrauchen Sie die spirituelle Praxis dazu, Samsara besser zu gestalten. Wenn man ein Großmeister Samsaras geworden ist, dann praktiziert man nicht mehr sorgfältig. Sobald Sie Probleme haben, sobald die Emotionen aufwallen und das Lung steigt, erst dann praktizieren Sie. Wenn alles rund läuft, wird die Sitzpraxis leicht vergessen. Die Dharma-Praxis wird dann zu einer weltlichen und noch dazu kostenlosen Therapie. Solche ‚Faulheit‘ kann dem Großmeister Samsaras ein Problem einbringen: Stolz. Sie sagen öfters, „Ich weiß. Ich weiß.“ Ihr Ich ist stolz auf Ihr Wissen und verhüllt sich im Mantel eines langjährigen Dzogchen-Praktizierenden. Dieser Stolz ist nichts anderes als Anhaftung an das Ego, und dafür gibt es immer eine Basis. Als Praktizierende brauchen wir den richtigen Stolz, der auf der Basis von der Wahrheit des Dharma beruht und nicht auf Vertrauen in die Ego-Werbung hinsichtlich der eigenen Dharma-Praxis. Wenn Sie darüber nachdecken, könnte es Ihnen klar werden: „Ich bin zwar so weit gekommen, aber ich sehe, dass es nicht weit genug ist. Ich muss, wenn ich mehr erreichen will, den Stolz auf das, was ich schon weiß und auf das, was ich glaube zu sein, loslassen.“ Der nächste Schritt ist die Bodhicitta-Praxis. Sie sollten aufrichtig sagen können: „Der Dharma hat mir persönlich viel gebracht, aber wenn ich mehr praktiziere, könnte ich auch anderen fühlenden Wesen helfen.“ Sie brauchen diese Entschlossenheit, um vom Fleck zu kommen. Mit einer dauerhaften Praxis werden Geist und Körper ruhiger und damit weniger abhängig von dem unerbittlichen Trieb des Ich. Wenn Sie ruhiger werden, stellen sich Offenheit und Disziplin leichter ein, sie bleiben stabil. Mit dieser Disziplin sind Sie weniger faul, weniger abgelenkt und haben größere Präsenz. Wenn Sie präsenter sind, stärkt das die Disziplin noch mehr und die Praxis läuft gut. Tsoknyi Rinpoche erzählt von sich: Ich bin kein gutes Beispiel für Disziplin, wenn es um Fitness geht. Wenn Sie so handeln, wie ich mit Fitness umgehe, dann werden Sie nie zur Praxis kommen. Es geht um ein psychologisches Problem. Ich glaube, ich muss in ein Fitness-Zentrum gehen, aber ich bin nur 15 Tage im Jahr in Kathmandu. Ich denke, es macht kein Sinn, da man zumindest 2 Monate benötigt. Anschließend warte ich, bis diese 2 Monate sich ergeben, aber sie kommen fast nie. Eigentlich könnte ich in diesen 15 Tagen in Kathmandu regelmäßig im Fitnessstudio üben und auf Reisen die Übungen im Zimmer machen, wie Mingyur Rinpoche. Er ist sehr diszipliniert. Er bewegt sich täglich. Er ist so schlank, so dünn. Auch wenn er vor dem Essen nur 10 Minuten Zeit hat, bewegt er sich, er springt z.B. 100mal hoch. Und das reicht. Ich könnte es auch machen, weil ich vor der Mahlzeit über genau so viel Zeit verfüge wie er, aber ich warte auf die Mitgliedschaft in einem Fitness-Zentrum. Und so sieht es dann bei mir aus (zeigt auf den Bauch). Mingyur Rinpoche reist mehr als 7 Monate im Jahr, genau so viel wie ich, aber er erhält die Disziplin aufrecht, das innerliche Fitness-Zentrum. Zwanzig Minuten am Tag sollten ganz einfach und überall zu finden sein. Aber es geht nicht um Zeit, sondern um einen Geisteszustand. Wie kommen wir zu diesem „Tu es einfach“- Geisteszustand? Kehren wir zu dem Gespräch zurück, das wir vorher mit uns selbst führten. Normalerweise führen solch innere Gespräche zu dem Entschluss: „Gut, ich werde es tun! Ich werde mehr praktizieren und gehe in Langzeit-Klausur. Aber dazu muss ich die günstigen Bedingungen schaffen. Ich rede zuerst mal mit meiner Familie, ich regle alles und erst dann fange ich an.“ Die Chancen sind gut, dass dieses Gespräch nie stattfindet. Auf diese Weise fängt die regelmäßige Praxis nie an, ganz zu schweigen von einer Langzeit-Klausur. Aber Sie haben Recht. Sie müssen Ihr Leben umgestalten, damit Sie die notwendige Disziplin aufbauen können. Beobachten Sie sich gut, damit Sie genau jene Denkmuster, die Ihre Disziplin verhindern, herausfinden. Sobald Sie verstehen, dass es auch für langjährige Praktizierende von Wert ist, alles loszulassen und wann auch immer 10-15 Minuten lang zu praktizieren, wird am Ende die regelmäßige Praxis nicht zu schwierig sein. Übersetzung: JW |